Hintergründe - Philosophie - Geschichten
aus der Kampfkunst


Illustrator Rod Cameron

Die leere Tasse

Eines Tages besuchte eine berühmte und angesehene Professorin zwei große und weise Meister der Kampfkunst.
"Ich bin von weit her gekommen, um Sie beide zu treffen, denn ich habe gehört, dass Sie große Meister des kara-te, der Kunst des leeren Ich, sind. Ich habe jahrelang eifrig studiert, um den Kern Ihrer Lehren zu verstehen. Können Sie mir erklären, was kara-te, das Leere Ich, bedeutet und wie es der Welt Frieden bringen kann? Was ist das Geheimnis dieser Leere?"
Der ältere der beiden Meister servierte gerade Tee, als die Professorin sprach. Er schenkte die Tasse der Besucherin voll und schenkte immer weiter ein, bis der Tee über den Rand lief und vom Tisch auf den Fußboden tropfte.
Die Professorin schaute zu, wie die Tasse überlief, bis sie sich nicht mehr beherrschen konnte. "Die Tasse ist doch voll", rief sie aus, "da geht nichts mehr rein!"
"Wie diese Tasse", sagte der Meister, "so ist auch Ihr Geist mit Fragen angefüllt und sucht nach Antworten. Solange Sie Ihre Tasse nicht leer machen, geht nichts mehr hinein. Genauso ist es mit Ihrem Geist: Sie können nichts aufnehmen, solange Sie ihn nicht leer machen."

(aus Terrence Webster-Doyle: "Im Zentrum des Wirbelsturms - Erzählungen der Meister der Leeren Hand" - Geschichten von und für Kampfkünstlerinnen und Kampfkünstler bzw. alle Menschen, die sich mit dem Weg des Kriegers / der Kriegerin beschäftigen wollen)


Illustrator Rod Cameron

Die Prüfung mit dem wilden Pferd

"Heute wird euch ein wildes Pferd testen." Mit diesen Worten führte die Lehrerin ihre drei ältesten Schüler zu einer engen Schlucht, in der ein wildes Pferd graste. Dort gab sie ihnen die Anweisung, die Schlucht zu durchqueren. Auf der anderen Seite wollte sie dann auf sie warten.
Der erste Schüler stand eine Weile still und begann dann vorsichtig in die Schlucht hineinzugehen. Nach einem Teil des Weges ging das wilde Pferd auf ihn los und schlug mit seinen Hufen aus. Geschickt wehrte der Junge den Angriff ab, indem er zur Seite sprang. So gelangte er ohne Schwierigkeiten an dem wilden Pferd vorbei auf die andere Seite.
Der nächste Schüler stand eine Weile am Eingang der Schlucht, tief in Gedanken versunken. Anstatt die Schlucht direkt zu betreten, entschloß er sich, an ihren Seitenwänden hochzusteigen und sie oberhalb des Pferdes zu umgehen. Das Pferd versuchte, auch diesen Schüler anzugreifen, aber er war dafür zu weit oben. So kam er ohne Schwierigkeiten an dem wilden Pferd vorbei auf die andere Seite der Schlucht.
Als dritte kam eine Schülerin. Auch sie stand lange am Eingang der Schlucht. Die Lehrerin und die beiden Jungen beobachteten sie vom anderen Ende her. Nach einer Weile setzte sich das Mädchen auf den Boden und begann zu spielen wie ein kleines Kind. Da näherte sich das wilde Pferd voller Neugierde dem Mädchen, das mit Stöckchen im Lehm spielte. Ruhig und sanft streckte es eine Hand aus und streichelte die Nase des Pferdes. Dann stand es langsam auf und tätschelte seinen Hals und seine Mähne. Das Pferd, das die Ruhe und Freundlichkeit des Mädchens fühlte, blieb ganz still stehen, als es sich auf seinen Rücken setzte. So ritt das Mädchen durch die Schlucht bis zu ihrem Ausgang, wo ihre Lehrerin und die beiden Jungen auf sie warteten.

(aus Terrence Webster-Doyle: "Im Zentrum des Wirbelsturms - Erzählungen der Meister der Leeren Hand" - Geschichten von und für Kampfkünstlerinnen und Kampfkünstler bzw. alle Menschen, die sich mit dem Weg des Kriegers / der Kriegerin beschäftigen wollen)


Illustrator Rod Cameron

Das Unsichtbare sehen

Der Friedhof lag im schwachen Licht der Mondsichel. Eine Eule schrie, flog aus ihrem Versteck und stieß zwischen den Bäumen auf der anderen Seite herab. Sonst blieb die Nacht still. Er merkte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug. Dies war eine echte Mutprobe.
Die anderen Schüler waren verschwunden. Der Cheftrainer hatte ihnen gesagt, dass sie eine Zeitlang allein auf dem Friedhof bleiben sollten. Er konnte spüren, wie sich die Haare in seinem Nacken sträubten.
Lass deine Gedanken nicht verrückt spielen! Schau, wie sie dich erschrecken wollen! Wir haben bereits früher über den Tod gesprochen. Der Tod ist das Unbekannte, Was du fürchtest, ist das Bekannte, deine Vorstellungen vom Tod, nicht die Wirklichkeit des Todes.
Das hatte sein Lehrer beim letzten Treffen gesagt. Sie hatten über den Tod gesprochen - den Tod des Körpers und des Ego, dieser Anhäufung von Gedanken und Erinnerungen, die das ICH ausmachen. Aber in dieser Nacht war ihm nicht mehr so klar, was damals so klar zu sein schien. Der Schüler fühlte sich allein, überwältigt von der Wirklichkeit des Friedhofs.
Um ihn herum standen die Monumente des Todes: Steinblöcke mit Namen, Daten und Abschiedsworten. Die Gegenwart der Toten um ihn herum, die Stille, das Ende aller Lebendigkeit wirkten deprimierend. Er versuchte seine wirbelnden Gedanken einzufangen, als sie begannen, in Geister- und Totenphantasien auszuarten. Ihn schauderte. Immer wieder bemühte er sich mit aller Kraft, sich von seinen Phantasien zu lösen und seinen Geist auf das zu richten, was wirklich da war.
Obwohl die Herbstnacht warm war, fühlte er sich kalt bis in die Knochen. Die Bäume verwandelten sich in menschenähnliche Gestalten. Die Eule schrie erneut, stieß plötzlich aus der Dunkelheit herab und stürzte sich mit ausgebreiteten Schwingen auf ein ahnungsloses nächtliches Geschöpf.
Aus dem weichen Boden unter seinen Füßen stieg ein feuchter Geruch auf. Die Grabsteine, errichtet zum Gedenken an die Toten, erinnerten ihn daran, dass es für alles, was er kannte, einmal ein Ende geben würde. Kalter Schweiß brach ihm aus und ein Gefühl der Leere, das keine Antwort füllen konnte, wollte ihn überwältigen. Dies war die Leerheit, jener Abgrund, den die Menschen so sehr fürchten. Und er stand mittendrin. Er bildetet sich ein, dass Geisterhände sich aus dem Boden streckten, nach seinen Beinen griffen und ihn hinabrissen. Sein ganzer Körper war naß, und seine Augen schmerzten von dem Versuch, das Dunkel zu durchdringen. Er war bereit für die Prüfung.
Ein Schatten glitt durch sein Blickfeld und instinktiv ging der Schüler in Kampfstellung. War das ein Mensch oder ein Geist? Sein Herz schlug noch schneller und seine Muskeln krampften sich zusammen. Was es auch sein mochte - er war bereit.
Kannst du unterscheiden zwischen dem, was wirklich vorhanden ist, und dem, was nur in deinen Gedanken, in deiner Einbildung existiert? Kannst du die Absicht, dich anzugreifen, erkennen, bevor der Angreifer sie in sich selbst verspürt? Dies ist die Kunst der Wahrnehmung dessen, was geschehen wird, vielleicht nur einen Sekundenbruchteil, bevor es wirklich passiert. Diese Art von Wahrnehmung gehört zu den subtilen Fertigkeiten eines Meisters der Kampfkunst. Sie versetzt ihn in die Lage, mögliche Gefahren auszuschalten, bevor sie Schaden anrichten können.
Das hatte ihm sein Meister gesagt, und dessen klare, starke Worte gingen ihm jetzt durch den Kopf.
Der Schatten nahm Form an. Eine dunkle, mächtige Gestalt tauchte hinter dem größten Grabstein auf. Vom Boden in den schwarzen Himmel aufragend, erhob sie sich zu erschreckender Größe. Das schwache Licht der Mondsichel warf einen trüben Schatten in seine Richtung. Wie zu Eis erstarrt, verharrte der Körper des Schülers in Kampfstellung. Seine Beine waren hart wie Beton, und seine Augen starrten voller Schrecken auf die Riesengestalt.
Der Schüler spürte, wie ein Schrei von tief unten aus seinem Bauch ertönte. Er stieg hoch bis zur Kehle, blieb dort stecken und hob sich dann - nur noch als Gedanke - zum Gehirn empor. Während er auf die Anzeichen eines Angriffs wartete, beobachtete er jede Einzelheit der Geistergestalt. Plötzlich wurde das Bewußtsein des Schülers ganz leer.
Und wie eine Welle in den Ozean zurücktaucht, versank die überwältigende Furcht des ersten Moments dieser Begegnung. Nur ein gesteigertes Gefühl der Wachheit blieb zurück. Zeit und Welt schienen völlig stillzustehen.
"Was machst du hier?" polterte die riesige Totenstatue mit brüchiger, tiefer Stimme.
"Wer bist du, der mich fragt?" hörte er sich antworten, überrascht von seiner ruhigen beherrschten Stimme, die klang, als ob der erschrockene Junge verschwunden und ein selbstbewußter Kämpfer an dessen Stelle getreten wäre. Die dunkle Gestalt vor ihm begann ihre gespenstige Form zu verlieren und menschlichere Dimensionen anzunehmen. Sie trug einen schwarzen Mantel und einen Hut mit so breiter Krempe, dass der Schüler nicht erkennen konnte, wer sich darunter verbarg.
"Und wer bist du?" dröhnte die tiefe Stimme. Die Gestalt schien mit dieser gebieterischen Frage zu wachsen. Der Schüler wußte, worum es ging.
"Ich bin Furcht, da ist nichts als Furcht!" erwiderte der Schüler mit Selbstvertrauen.
"Weißt du, was der Tod ist?" ertönte die Stimme der Riesengestalt von neuem.
"Der Tod ist das Unbekannte", antwortete der Schüler mit noch größerer Sicherheit.
"Wenn der Tod das Unbekannte ist, was gibt es dann zu fürchten? Wer oder was stirbt?"
"Die Furcht stirbt, das Ich stirbt, und dann ist kein Tod mehr", sagte der junge Schüler mit Gewißheit.
"Gut, du hast deine Lektion gelernt, mein Junge. Du hast dein Ich, Furcht und Tod besiegt, die alle ein- und dasselbe sind. Verstehst du das?" bohrte die tiefe Stimme weiter.
"Ja. Ich habe begriffen, was Sie mich gelehrt haben. Ich erkenne, dass dies für mich die größte Herausforderung beim Kampfkunsttraining ist", erwiderte der Schüler, der in der Gestalt seinen Lehrer erkannt hatte.
"Nun übe deine Kata, bis dein Geist ganz frei von allen Gedanken an Furcht und Tod ist, von allen Gedanken an dich selbst. Richte deine Aufmerksamkeit auf jede einzelne Bewegung, so als würdest du sie zum ersten Mal ausführen! Übe nicht aus Routine, denn sonst wird dein Geist abschweifen, und Furcht kann sich einschleichen. Ist dir das klar?"
"Ja, sensei", erwiderte der Schüler mit fester Stimme. Und unter den Augen seines Lehrers, der ruhig vor ihm im Gras saß, übte er seine Kata mit voller Achtsamkeit. Die Bewegungen seines Körpers waren präzise und kraftvoll. Sein Geist blieb ganz bewußt auf jede Bewegung gerichtet. Von seinem Platz zwischen den Grabsteinen auf dem vom Mond schwach beleuchteten Friedhof schaute sein Lehrer ruhig zu. Das Gefühl der Furcht verschwand und Ruhe trat an seine Stelle. Die Nacht war ganz still. Zwei Gestalten auf einem nächtlichen Friedhof: die eine bewegte sich in einem konzentrierten Tanz, die andere beobachtete aufmerksam, und beide befanden sich dabei jenseits der Zeit.

(aus Terrence Webster-Doyle: "Im Labyrinth des Feuerdrachen - Erzählungen der Meister der Leeren Hand")